Job-Boom verdeckt schleichenden Industrie-Schwund

Die Arbeitsministerin jubiliert und der Wirtschaftsminister redet von Vollbeschäftigung:
Die deutschen Arbeitslosenzahlen sind mit nun 2,93 Millionen auf ein langjähriges Tief gesunken. Der prozentuale Anteil sank von 7,4 auf 6,8 Prozent im Durchschnitt des Jahres 2010.

Die Betrachtung dieser zwei Zahlen soll zu Optimismus Anlass geben. Dennoch ist diese reduzierte Darstellung des komplexen Gebildes „Volkswirtschaft“ blauäugig und transportiert die regierungsseitig gewünschte Stimmung, nicht aber die Realität. Dazu bedarf es einer genaueren Betrachtung:
Der „Boom“ auf dem Arbeitsmarkt wird iniziert von bisher 5 Millionen 400-Euro-Jobbern und 2,2 Millionen Deutschen, die sich als Mini-Jobber einen kargen Hinzuverdienst erwirtschaften.

Die Armutsquote steigt ebenso wie die Jubelstatistik der deutschen Regierung.
Selbiges trifft auf die Insolvenzstatistik zu, die mit einer Zunahme von 20 Prozent dem Vorjahr gegenüber aufwartet. Dieser Anstieg der Insolvenzen ist in Kapitalengpässen und Überkapazitäten begründet und ein genauso wichtiges Indiz wie der Rückgang der Löhne und Einkommen in Deutschland. Die Einkommen polarisieren sich, die einkommensabhängige Mittelschicht schrumpft und Arbeit ist billig wie nie. Das ist eine andere Seite des deutschen „Jobwunders“, die Realität, die die gesellschaftliche Stabilität tangiert. Immer weniger unbefristete Arbeitsverhältnisse werden abgeschlossen. Wer nicht in befristeten Arbeitsverhältnissen landet, findet sich oftmals in Zeitarbeitsfirmen wieder, um auf Zuruf verfügbar zu sein. Auch hier sind die Einkommen niedrig, Tarifverträge werden ausgehebelt und durch „passende“ ersetzt, die Zeitarbeitsbranche boomt.
Deutschland landet im Vergleich der europäischen Einkommensentwicklung ganz weit hinten und Frauen werden hierzulande mit zirka 75 Prozent des Lohns ihrer männlichen Kollegen bezahlt.

Die altersmäßige Struktur der deutschen Bevölkerung führt zum biologisch bedingten Schwund der Rechenbasis. Diese Herausforderung an die Politik beeinflusst auch die Arbeitslosenstatistik.

Die wirtschaftlichen Zugpferde unserer Volkswirtschaft, das Baugewerbe sowie die Land-und Forstwirtschaft, schwächeln: Auf dem Bau arbeiteten 2010 noch 5,5 Prozent der Erwerbstätigen, was einem Rückgang von

35 Prozent gegenüber 1991 entspricht. Die Zahl der Arbeiter in der Land- und Forstwirtschaft hat sich im gleichen Vergleichszeitraum auf jetzt lediglich 2,1 Prozent halbiert.
Im gesamten produzierenden Gewerbe setzt sich diese Entwicklung mit einem Rückgang von 29,3 auf 18,9 Prozent fort.
Alle diese Parameter begleiten den Rückgang der Industrie in Deutschland. Produktion wird billigst realisiert und oft in das Ausland, wo die Löhne noch niedriger sind, ausgelagert. Von diesem strukturellen Wandel profitiert der Dienstleistungssektor. 2010 waren annähernd drei Viertel der arbeitenden Bevölkerung im Dienstleistungsgewerbe. Hier sind „Jobs“ üblich – und zwar in der negativen Auslegung des Begriffes: Minijobs, Zeitarbeitstätigkeiten, 400-Euro-Beschäftigungen, ungeregelte Arbeitszeiten, Mobbing und andre Formen der Diskriminierung sind hier bei den „schwarzen Schafen“ der Branche anzutreffen, von denen es relativ viele gibt.

Hinter dem Job-Boom stehen also der schleichende Industrieschwund und weitere beachtenswerte Kriterien, die wohl wenig Anlass zum Jubel geben.